4-Tage-Marsch Nijmegen

Vor 42 Jahren - Erstmals Panzeraufklärer als Bw-Marschgruppe

beim 4-Tage-Marsch Nijmegen

Kräftiger Beifall begleitete die Bundeswehr-Delegation mit der vom Panzeraufklärungsbataillon 2 aus Hessisch Lichtenau gestellten Marschgruppe an der Spitze beim Einmarsch auf den letzten 5 Kilometern der 58. „4Daagse“ von Nijmegen im Juli 1974. Gerade 2 Wochen nach der von Deutschland gewonnenen Fußballweltmeisterschaft spielte dabei das Heeresmusikkorps 7 als Marsch die Melodie „Ja, mir san mit’m Radl da“ und die Zuschauer sangen dazu fröhlich ihr „Holland wereld kampioen“ (Holland Weltmeister). Gut hunderttausend Zuschauer entlang der „Via Gladiola“ spendeten herzlichen Beifall für die tadellose Haltung der 170 deutschen Soldaten, denen man nichts von den Strapazen der mit Waffen und Gepäck zurückgelegten 160 Kilometer anmerken konnte. Im Gegenteil, sonnengebräunt und fröhlich lächelnd machten sie den Eindruck, gerade aus dem Urlaub zu kommen. Unter rund 15.000 Marschierern erreichte die Bundeswehr als eine der wenigen Mannschaften das Ziel des 4. Tages ohne Ausfälle.

Physisch und psychisch gut vorbereitet hatten die Panzeraufklärer den Marsch angetreten. Da sie im „Einsatz zu Fuß“ eigentlich nur Amateure sind, war ein umfangreiches Trainingsprogramm voraus gegangen. Dazu wurden die Freiwilligen geschlossen in einem eigenen Neubau-Block untergebracht, aus dem täglichen Dienst der Kompanien einschließlich Wache und Bereitschaft herausgelöst und nahmen das Essen in einem eigenen Speisesaal ein. Das Training stand zudem unter häufiger ärztlicher Kontrolle, die unmittelbare sanitätsdienstliche Betreuung war durch die Kommandierung eines San-Unteroffiziers gesichert. In wenigen Tagen bildete sich das für solche Gemeinschaftsleistungen erforderliche Zusammengehörigkeitsgefühl, wozu auch ein goldgelber Uniform-Namenstreifen „PzAufklBtl 2 - Nijmegen 1974“ auf der Brust beitrug. Der vorzügliche Korpsgeist beflügelte die Marschierer selbst in Situationen, in denen Blasen, Muskel- und Gelenkschmerzen normalerweise zur Aufgabe gezwungen hätten. Nicht zuletzt spornten kleine Tricks den Einzelnen an, seine Leistungsgrenzen immer weiter hinaus zu schieben. So konnte jeder auf einer Schautafel seinen „Km-Stand“ und auch Ausfallmerkmale nachlesen.

Das standortgebundene Training ab Ende März basierte auf Unterlagen von OTL Kendziora, der dreimal mit seinem PzJgBtl 44 aus Göttingen marschierte und der eigenen dreimaligen Erfahrung von Oberleutnant Gerd Beyer, dem Führer der Hessisch Lichtenauer Soldaten. Es dauerte 11 Wochen mit 558 vollen Ausbildungsstunden (51 Stunden/Wo) und war in 2 Phasen unterteilt. Neben 310 Stunden für Märsche, oft morgens um 4 Uhr beginnend, waren 67 Stunden für Sport, 30 für Unterrichte, 28 für ärztliche Betreuung, 42 für Formalausbildung und 81 für sonstige Vorhaben eingeplant. Knapp 60 freiwillige Meldungen von interessierten Soldaten lagen vor, mit diesen wurden 10 und 15 Km im Umfeld des Standortes zur Vorauswahl marschiert.

In der Phase I trainierten noch über 40 Freiwillige, davon je zur Hälfte Unteroffiziere wehrpflichtige Mannschaften, 5 Wochen lang mit folgendem Marschprogramm: 2 x 20 Km / 2 x 20 / 3 x 20 / 4 x 20 und 4 x 25 Km. In der restlichen Wochenzeit gab es Formal- und Sportausbildung, ärztliche und Gewichtskontrollen, Sauna und Gesang. Hierbei war festzustellen, daß gerade das Singen bei den Soldaten offenbar im Aussterben begriffen ist, außer „Schwer mit den Schätzen des Orients“ war kaum ein Lied bekannt. Mit Hilfe des Musiklehrers Bachmann von der Gesamtschule Hessisch Lichtenau gelang es aber den Soldaten aus der Blücherkaserne, auf ein Repertoire von 26 Soldatenliedern zu kommen. Später in Nijmegen war man sich einig, man hätte noch mehr gebraucht.

Nach dieser Phase wurden aus dem Nijmegen-Zug ausgeschieden:

Soldaten, die nicht genügend leistungsbereit waren, dann andere, deren Gelenke, Bänder und Muskeln der bisherigen Beanspruchung nicht gewachsen waren und ferner jene, bei denen der Arzt anderer Merkmale Bedenken hatte.

Die verbliebene Kernmannschaft von rund 30 Marschierern, Versorgern und dem Sanitäter durchlief dann in weiteren und ähnlichen 5 Wochen die wichtigere Vorbereitungsphase II mit den folgenden Km-Strecken: 3 x 30 Km / 2 x 30 und 1 x 40 Km / 1 x 30 und 2 x 40 / 3 x 40 Km und als Generalprobe zuletzt 4 x 40 Km. Alle Märsche wurden in geschlossener Ordnung mit 3 Mann je Rotte, mit 10,1 Kg an Waffe und Gepäck gemäß Reglement und das auch bei jeder Witterung durchgeführt. Dafür lag eine Ausnahme-Genehmigung im Organisationsbefehl des Heeresamtes vor; eingehende Untersuchungen im Bw-Krankenhaus einschließlich von EKG waren vorab erfolgt. Der Generalprobe im Standort mit Überschreiten der 900 Km-Marke folgte eine Woche mit 3 Tagen Urlaub und der Vorbereitung zur Verlegung ins gemeinsame Trainingslager der Bw-Delegation.

Die Abgeschiedenheit des Umlandes des Truppenübungsplatzes Ehra-Lessien bot dann ähnliche landschaftliche Bedingungen, wie sie in Nijmegen zu erwarten waren. Hier wurden die 6 offiziellen Marschgruppen, die ganz unterschiedlich trainiert hatten, zu einem Team zusammengefügt und marschierten dabei weitere 390 Km. Mit 1300 Km auf den Sohlen der neuen braunen Kampfschuhe ging man in eine kurze, letzte Ruhewoche, die vor allem der Betreuung diente und das oft eintönige „Kilometerfressen“ angenehm unterbrach. Dazu gehörten Besuch im nahen VW-Werk, Empfang beim Oberbürgermeister von Wolfsburg, Gesangswettstreit, Vorbeimarsch am Kdr der 1.PzDiv und Manöverball in Gifhorn. Auch der Kdr des PzAufklBtl 2, OTL Adolf Brüggemann besuchte seine Männer, beförderte Fähnrich Rolf Schäfer zum Leutnant und Norbert Henkel zum Oberfeldwebel. Die aus Hessisch Lichtenau mitgebrachte Truppenfahne des PzAufklBtl2 übergab der BtlKdr an die goldgelbe Marschgruppe, um sie bei der Eröffnungsfeier und beim Einmarsch am 4. Tag der gesamten Bundeswehrdelegation voraus zu führen.

Bei der stimmungsvollen Eröffnungsfeier im Goffert-Stadion von Nijmegen gab es ersten Beifall für die deutschen Soldaten, so daß man frohen Mutes die ersten Tage anging. Beide Tage forderten bei Kühle, Regen und Wind schon viel Ausdauer. Am dritten Tag zeigte sich endlich die lang vermißte Sonne und brachte richtige Wärme. Bei diesem schönen Wetter ging es über die berühmtberüchtigten Zeven Heuvelse / Sieben Hügel, wo bereits zehntausende Niederländer an die Strecke geeilt waren, um den zivilen und militärischen Teilnehmern Beifall zu spenden und auch Wasser zu reichen. Besondere Anerkennung gab es für die deutschen Soldaten unter Führung von OTL Lepkowski, als deren Marschgruppen erstmals gemeinsam auf dem Kanadischen Soldatenfriedhof bei Groesbek zur Ehrung der gefallenen ehemaligen Kriegsgegner antraten. Unter „Achtung-Präsentiert!“ und zu den Trompetenklängen vom „Ich hatt‘ einen Kameraden“ wurde ein Blumengruß niedergelegt - und weitermarschiert zum Ziel des dritten Tages. Schon an diesen drei Tagen gab es viel Lob von den oft recht kritischen Einzel-Marschieren aus der Bw (in Zivil) für die stets geschlossen marschierenden Männer vom Marinefliegergeschwader 1, vom Panzergrenadiergrenadierbataillon 13, vom Jägerbataillon 541, dem Fernmeldebetriebsbataillon 930 und der „Gesammelten Werke“ der Luftwaffe (von 11 Verbänden).

Der vierte Tag sollte bei noch höheren Temperaturen nochmals hohe Anforderungen stellen, aber das nun nahe Ziel und die Auszeichnung mit dem Marschorden beflügelten die Schritte und ließen Blasen und andere Schmerzen vergessen. Der abschließende Einmarsch in die Stadt vorbei an Hundertausend fröhlichen Zuschauern bildete den Höhepunkt. Was den erfolgreichen „Wandelaars“/Wanderern hier an Herzlichkeit und Begeisterung seitens der Zuschauer entgegengebracht wird, läßt sich kaum mit Worten beschreiben - man muß sollte es selbst erlebt haben.

Dem Heeresmusikkorps 7 folgend, marschierten die Soldaten mit den schwarzen Baretten hinter der eigenen Truppenfahne des PzAufklBtl 2 an der Spitze der deutschen Delegation. Die letzten Meter galt es in vorbildlicher Haltung an den Delegationschefs und Militärattachés mit Blickwendung vorbei zu defilieren. Dann war es geschafft! Alle konnten stolz auf ihre Leistung zurückblicken.

 

Gerd Beyer
Oberleutnant und Marschgruppenführer
S2 Offizier PzAufklBtl 2
Hessisch Lichtenau

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Kommentare: 1
  • #1

    Alfred Beloch (Sonntag, 21 September 2014 22:29)

    War eine harte aber auch sehr schöne Zeit. Ein einmaliges Erlebnis der Einmarsch In Nijmegen vor vielen Hundertausenden (600.000?) Zuschauern.



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